Zehn strategische Ansätze für mehr Kreislauffähigkeit

Die Kreislaufwirtschaft birgt ein enormes Innovationspotenzial. Unternehmen können sich resilienter aufstellen, neue Geschäftsmodelle entwickeln, sich von Marktbegleitern differenzieren und eine bessere Umweltbilanz erzielen. Dabei ist Kreislaufwirtschaft ein alter Hut. Werfen wir einen Blick auf die zehn strategischen Ansätze für mehr Zirkularität.

 

Erst die Rohstoffe aus der Erde holen, daraus ein Produkt herstellen und schauen, wie man es verkauft – der Kunde wird es schon richtig entsorgen – das beschreibt stark zusammengefasst die lineare Wirtschaftsweise. Rohstoffe werden nicht in den Kreislauf zurückgeführt. Es gibt auch keinen systematischen Ansatz für Wiederverwendung oder Recycling. Im Raum steht die Frage: Können wir uns das leisten? Umweltverschmutzung, Fußabdruck und planetarische Grenzen mal beiseitegelassen, wie sieht es mit Rohstoffverfügbarkeit, Einkaufspreisen, Resilienz aus? Was machen wir, wenn die Verfügbarkeit von Rohstoffen nicht mehr so gewährleistet ist? Ist es langfristig nicht klüger, eine Geschäftsstrategie zu wählen, die nicht dem Prinzip höher, schneller, weiter folgt? Wie sehen unsere Geschäftsmodelle in fünf, zehn oder fünfzehn Jahren aus? 

 

Nun ist Kreislaufwirtschaft an sich nichts Neues. Historisch gesehen wurde schon immer in Kreisläufen gedacht. Das Pendel schlug in dem Moment in die andere Richtung aus, als die Gewinnung von Rohstoffen günstiger wurde als die Wiederverwendung. Erst seit wenigen Jahren bröckelt das Gefühl, dass Rohstoffe unbegrenzt und immer verfügbar sind – von vorübergehenden Schreckmomenten wie der Ölkrise einmal abgesehen. Die Pandemie hat einen Eindruck davon vermittelt, was passiert, wenn globale Lieferketten plötzlich nicht mehr funktionieren. Was bleibt, sind Handelsströme, die sich grundlegend neu ordnen. Schon allein vor diesem Hintergrund lohnt es sich, die eigene Kreislauffähigkeit zu hinterfragen, um Rohstoffe möglichst gut und lange im System halten zu können. Grundsätzlich gibt es drei Prinzipien, die man in seiner eigenen Strategie verfolgen kann: 

  1. Rückgewinnung von Rohstoffen 
  2. Vermeidung von Rohstofftaufwand 
  3. Maximieren des Produktnutzens 

 Wie funktionieren diese drei Prinzipien im Einzelnen? Wenn wir an Kreislaufwirtschaft denken, fällt uns wahrscheinlich als erstes die Rückgewinnung von Rohstoffen ein. Alles, was bei der Produktion oder am Ende der Lebensdauer anfällt, wird gesammelt und wiederverwertet. Laut einer Studie des Instituts für Energie- und Umweltforschung liegt der Pro-Kopf-Rohstoffverbrauch in Deutschland bei 17 Tonnen (2018).  Davon werden im Materialdurchschnitt jedoch nur 12% recycelt. Bei Metallen, die sich gut recyceln lassen, liegt die Quote mit 33% etwas höher. Hier sind die Potenziale noch nicht ausgeschöpft, statt 16% könnten bis zu 47% des Goldes aus Elektrogeräten recycelt werden, bei Silber schätzt man eine Recyclingquote von über 54% theoretisch möglich, heute sind es 16%, und Forscher erproben derzeit Methoden, um Lithium-Ionen-Akkus zu über 90% recyceln zu können.  Der Unterschied zwischen Recycling und Upcycling, Refurbishment oder Remanufacturing besteht darin, dass beim Recycling das Produkt selbst in seine Rohstoffe zerlegt wird, bevor es einer neuen Verwendung zugeführt wird. Im Gegensatz dazu werden beim Remanufacturing Teile des Produkts (Komponenten) oder das gesamte Produkt selbst wiederaufbereitet und als gleichwertiges oder höherwertiges Neuprodukt wieder auf den Markt gebracht. Um einige Beispiele aus dem B2B-Bereich zu nennen 

  • Caterpillar, der US-amerikanische Hersteller für Baumaschinen, Turbinen und Motoren hat mit „Cat Reman“ ein umfassendes Programm zur Wiederaufbereitung ihrer Produkte. So ist es ganz üblich, dass ein Motor generalüberholt ein zweites Leben in einer anderen Baumaschine findet. 
  • Siemens macht etwas ganz Ähnliches mit Medizintechnik, wie CT oder MRT-Scannern im Rahmen ihres Programms „pre-owned Siemens ecoline“.Auch Möbel sind häufig zu schade, sie am Ende ihres Lebens zu entsorgen. So bereitet die Schweizer Unternehmensgruppe Girsberger zum Beispiel Garnituren für Konzertsäle wieder auf.   

    Spannend ist es auch die Wiederaufbereitung bei Haushaltsgeräten (durch Norsk Ombruk in Norwegen), oder Kühlschränken in Supermärkte (von der Unternehmensgruppe Bond in GB), die häufig mit besseren Leistungsdaten ausgerüstet ihren Weg zurück auf den Markt finden. 

    Schließlich sind die von Bio-Lution vollständig aus landwirtschaftlichen Reststoffen hergestellten Verpackungen zu erwähnen.

    Das zweite Prinzip auf dem Weg zu mehr Kreislaufwirtschaft ist die Reduzierung des Rohstoffaufwandes. Was vor allem in den letzten Jahrzehnten schon überall gemacht wurde, ist die Effizienz zu erhöhen. Das heißt, Verschwendung aus den Prozessen zu entfernen, meist unter Begriffen wie Lean Management oder Lean Production.  Interessanter ist da schon die Frage, ob man die eingesetzten Rohstoffe durch erneuerbare Optionen ersetzen kann, z.B. arbeiten diverse Automobilhersteller daran, hier auf Materialalternativen zu setzen. Der große Schlüssel in diesem Strategieansatz liegt jedoch im Design selbst. Durch intelligentes Design kann die Lebensdauer und Recyclingfähigkeit von Produkten drastisch erhöht werden. Auch wenn die Vorgehensweise vom jeweiligen Produkt und Geschäftsmodell abhängt, gibt es sechs grundlegende Designprinzipien, an denen man sich orientieren kann: 

    • Die Hersteller können ihre Produkte und ihre Kommunikation so gestalten, dass eine hohe emotionale Bindung entsteht und die Kunden möglichst lange an das Produkt gebunden werden. Ein zeitloses Design, das möglichst wenig modischen Trends unterliegt, ist hier beispielsweise ein richtungsweisendes Instrument. 
    • Die physische Haltbarkeit spielt eine große Rolle, damit das Produkt lange genutzt werden kann. Dies hängt von den verwendeten Materialien und der Qualität der Herstellung ab. 
    • Wenn Standards verwendet werden, können Produkte leichter mit anderen Produkten verwendet werden. Auch eine bessere Reparierbarkeit ist dann leichter zu erreichen. 
    • Reparatur und Wartung sind auch der Schlüssel zur Verlängerung der Lebensdauer eines Produkts. Das Design kann Reparatur und Wartung bereits auf verschiedene Weise erleichtern. 
    • Hinzu kommt, wenn das Design vorsieht, dass Produkte durch „Upgrades“ an neue Umstände angepasst oder sogar verbessert werden können.

    • Schließlich sollte ein Produkt so konstruiert sein, dass es sich leicht zerlegen lässt, um eine Wiederverwertung zu ermöglichen. 

     

    Die Steigerung des Produktnutzens ist das dritte Prinzip auf dem Weg zu mehr Kreislaufwirtschaft. Und wohl auch das mit dem größten Innovationspotenzial. Um das Kundenbedürfnis ganzheitlich zu befriedigen, wird das Produkt in ein Dienstleistungsangebot eingebettet. Der Kunde hat den Vorteil, dass er statt eines Produktes eine Gesamtlösung erhält. Dies bedeutet aber auch, dass sich der Hersteller in seinem Selbstverständnis zum Dienstleister entwickelt. In der kleinsten Ausprägung wird eine Service- und Wartungslogik etabliert. Hier wird das Produkt um ein Versprechen ergänzt z.B. mehr Ausfallsicherheit oder ein größeres Leistungsangebot. Je nach Produkt ist auch eine Nutzen-statt-Besitzen-Logik denkbar. Hier nutzt der Kunde das Produkt nur so lange, wie er es braucht. In der Zwischenzeit wird das gleiche Produkt von anderen Kunden genutzt. Die Auslastung steigt und das Produkt wird in der Regel mit einer höheren Marge angeboten. Das bedeutet aber auch, dass Produkte mit ganz anderen Anforderungen als heute konstruiert werden müssen. Plötzlich wird es für den Anbieter noch interessanter, zum Beispiel die Wartungs- und Reparaturmöglichkeiten zu erhöhen und auch die Lebensdauer zu verlängern. Ist ein Produkt, das nicht kaputt geht, heute noch ein Nachteil für den Hersteller, weil der Kunde kein zweites Mal kommt, lohnt es sich nun, Produkte zu konstruieren, die kaum verschleißen. In der höchsten Ausprägung werden Produkte gemeinsam genutzt. Das Produkt ist nicht dauerhaft im Besitz eines Eigentümers, sondern durchläuft mehrere Zyklen. Das Geschäftsmodell ist hier eine Art Vermittler, der über eine virtuelle Plattform ermöglicht, dass Kunde und Produkt zueinander finden. Heute gibt es bereits einige solcher Geschäftsmodelle: 

    • Der Klassiker ist Carsharing. Statt eines Autos kauft der Kunde hier Mobilität. 
    • Linde verkauft mittlerweile nicht nur mehr Gabelstapler. Im Grunde wird die Spitzenabdeckung in der Intralogistik verkauft. 
    • ELVIS bietet ein Teilladungssystem für Spediteure. Statt eines LKWs wird Transportvolumen verkauft, das je nach Bedarf abgerufen werden kann. 

    Es ist an der Zeit, den alten Ansatz der Kreislaufwirtschaft in die Gegenwart zu übertragen. Unternehmen und Gesellschaften sind auf der Suche nach radikalen Veränderungen in der Art und Weise, wie unsere Geschäftsmodelle aufgebaut sind. Natürlich kann der Gesetzgeber Anreize schaffen, um den Weg zu mehr Kreislaufwirtschaft zu ebnen. Zehn strategische Ansätze, bei denen jedes Unternehmen direkt aktiv werden kann, haben wir in diesem Artikel ebenfalls vorgestellt. Klar ist: Die heutige lineare Wirtschaftsweise ist nicht nachhaltig und muss sich ändern. Und zwar eher früher als später, denn die Probleme, die sie verursacht, werden immer drängender. Unternehmen müssen jetzt handeln und neue Wege zu mehr Kreislauffähigkeit beschreiten.

    Der Autor Felix Pliester bringt als studierter Transformationsdesigner und Wirtschaftsinformatiker mit über 10 Jahren Berufserfahrung in der Organisationsentwicklung einen großen Erfahrungsschatz in der Neuausrichtung von Unternehmen mit. Er begleitet Unternehmen und Banken in deren Transformationsprozess hin zu einem kreislauforientierten und purpose-driven Wirtschaften begleiten. Lernen Sie Ihn doch gerne bei einem virtuellen Espresso kennen, der Link dazu hier. 

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