Viele mittelständische Unternehmen möchten Energie und CO₂ reduzieren – nicht wegen Regulierung, sondern weil Energiekosten, Preisschwankungen und Kundenanforderungen spürbar steigen.
Dekarbonisierung bedeutet dabei nichts anderes als: Energie effizienter nutzen, fossile Abhängigkeiten reduzieren und eigene erneuerbare Lösungen aufbauen. Für KMU ist das vor allem ein wirtschaftlicher Vorteil: geringere Kosten, höhere Resilienz und bessere Finanzierungskonditionen.
Was bedeutet Dekarbonisierung konkret?
Dekarbonisierung umfasst vier pragmatische Bereiche:
- Energieverbrauch reduzieren
durch effizientere Maschinen, bessere Einstellungen und Prozessoptimierungen. - Energie anders nutzen
z. B. Abwärme aus Maschinen, Öfen oder Kompressoren zurückgewinnen. - Eigene Energie erzeugen
etwa durch Photovoltaik, Wärmepumpen oder Solarthermie. - Verbräuche transparent machen
mit digitalen Zählern, einfachen Dashboards und klaren Kennzahlen.
Damit wird Dekarbonisierung zu einem Instrument moderner Kosten- und Geschäftssteuerung.
Warum ist das ein Erfolgsfaktor für Mittelständler?
- Energiekosten sinken dauerhaft
- Planungssicherheit steigt, weil fossile Preisschwankungen weniger wirken
- Bessere Kreditkonditionen, da Banken CO₂-Intensität berücksichtigen
- Großkunden verlangen CO₂-Daten und bevorzugen effiziente Lieferanten
- Höhere Arbeitgeberattraktivität, da Zukunftsthemen ein Differenzierungsfaktor sind
Dekarbonisierung ist somit ein echter Wettbewerbsfaktor – nicht nur ein Nachhaltigkeitsthema.
Die wichtigsten Hebel – mit Beispielen aus dem Mittelstand
Beispiel 1: Metallverarbeitung (KMU)
Wärmerückgewinnung + Photovoltaik
Ein Metallverarbeiter installierte eine Wärmerückgewinnungsanlage.
Die Abwärme der Maschinen wurde früher ungenutzt abgegeben – jetzt heizt sie die gesamte Halle.
- Investition: ca. 120.000 €
- Einsparung: rund 36.000 € pro Jahr
- ROI: knapp 3 Jahre
Zusätzlich wurde eine PV-Anlage auf dem Hallendach installiert.
Während der Produktion deckt sie 40–60 % des Strombedarfs, am Wochenende und im Sommer wird Überschuss eingespeist und vergütet.
Effekt: deutliche Kostensenkung, zusätzliche Einnahmen, hohe Unabhängigkeit von Energiepreisen.
Beispiel 2: Dienstleistungsunternehmen
IT-Modernisierung und Cloud-Umstieg
Ein Dienstleistungsbetrieb modernisierte seine IT: alte Server wurden ersetzt, Systeme konsolidiert und teilweise in eine energieeffiziente Cloud verlagert. Zahlreiche Alt-Anwendungen und unnötige Hintergrundprozesse wurden abgeschaltet.
- Energieverbrauch der IT: –20 %
- Investitionsaufwand: gering
- Zusatznutzen: stabilere Systeme, weniger Wartung, höhere Datensicherheit
Viele Einsparungen entstanden allein durch Aufräumen und bessere Einstellungen.
Beispiel 3: Bäckerei mit Filialnetz
Abwärme + PV + Lastmanagement
Ein regionaler Bäckereibetrieb kombiniert mehrere Hebel:
- Abwärme aus Backöfen wird für Warmwasser genutzt
- Filialdächer wurden mit PV ausgerüstet
- eine Lastmanagement-Software reduziert teure Stromspitzen
Ergebnis:
- –22 % Energiekosten im ersten Jahr
- deutlich stabilere Betriebskosten
- PV deckt 30–50 % des Strombedarfs pro Filiale
Beispiel 4: Kunststoffverarbeitung
Druckluft – der versteckte Kostenfresser
Ein Kunststoffverarbeiter überprüfte sein Druckluftsystem und stellte Leckagen, veraltete Kompressoren und ineffiziente Einstellungen fest.
Nach Optimierung und Wärmerückgewinnung aus dem Kompressor:
- Stromeinsparung: 15–25 %
- Heizwärme für die Werkstatt: nahezu kostenfrei
- ROI: oft < 2 Jahre
Der pragmatische Einstieg – in drei Stufen
Stufe 1: Quick Wins
Ohne große Investition sofort Wirkung erzielen.
- 3–5 Hauptverbraucher identifizieren
- digitale Stromzähler installieren
- Stand-by-Verbrauch reduzieren
- Druckluft-Leckagen prüfen
- PV-Potentialanalyse
- IT-Infrastruktur aufräumen und optimieren
Typischer Effekt: 5–15 % Einsparung.
Stufe 2: Mittelfristige Maßnahmen
Gezielte Investitionen mit gutem ROI.
- Wärmerückgewinnung
- Druckluftmodernisierung
- LED + Sensorik
- PV-Anlage
- Optimierung von Heizung und Belüftung
- Lastmanagement-System
Typischer ROI: 2–5 Jahre.
Stufe 3: Langfristige Transformation
Strategische Positionierung für Markt und Finanzierung.
- CO₂-Strategie inklusive Zielpfaden
- Modernisierung von Maschinenparks
- Erneuerbare Wärme (Wärmepumpe, Solarthermie, Biogas)
- Einbindung der Lieferkette
- Integration von Energie- und CO₂-Daten in die Unternehmenssteuerung
Was passiert, wenn man nicht handelt?
Unternehmen, die abwarten, tragen messbare wirtschaftliche Risiken:
- dauerhaft höhere Energie- und Betriebskosten
- Gefahr, Kunden zu verlieren (CO₂-Daten werden Pflicht)
- schlechtere Kreditkonditionen
- Wettbewerbsvorteile der Konkurrenz (geringere Stückkosten)
- geringere Arbeitgeberattraktivität
- steigende Compliance-Risiken bei fehlenden Daten
Nicht zu handeln hat heute einen Preis.
Fazit
Dekarbonisierung ist für den Mittelstand eine der schnellsten und wirtschaftlich sinnvollsten Maßnahmen, um Kosten zu senken, Risiken zu reduzieren und Marktchancen zu sichern. Sie gelingt schrittweise, pragmatisch und ohne überdimensionierte Großprojekte. Unternehmen, die früh beginnen, verschaffen sich klare Vorteile – heute und morgen.
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Autorin
Julia Wlasak-Eisenberger
Master Global Studies & MBA Sustainability Management
Julia verfügt über langjährige Nachhaltigkeitsexpertise an Hochschulen (u.a. Schwerpunkt Bildung für nachhaltige Entwicklung) und in Unternehmen (Nachhaltigkeits-, Klima- und Bildungsstrategien). Sie ist Dozentin an der Universität Salzburg.
Fragen? j.wlasak@terra-institute.eu oder unverbindlich einen kurzen Termin vereinbaren.


