Lieferketten werden komplexer, transparenter und zunehmend reguliert. Ob Sie Zulieferer für große Konzerne sind, in sensiblen Branchen arbeiten oder einfach nur Ihre Risiken reduzieren wollen: ESG im Einkauf ist längst kein Zusatzthema mehr. Es entscheidet darüber, ob Unternehmen lieferfähig bleiben, Aufträge gewinnen – oder verlieren. Der Mittelstand steht dabei vor einer klaren Aufgabe: Risiken in der Lieferkette erkennen, Anforderungen verlässlich erfüllen und Chancen nutzen.
Was bedeutet ESG in der Lieferkette?
ESG in der Lieferkette bedeutet, dass Unternehmen systematisch prüfen und steuern, wie Lieferanten in drei Bereichen agieren:
- E (Environment): Energie, Emissionen, Wasser, Abfälle, Materialien
- S (Social): Arbeitsbedingungen, Arbeitssicherheit, Löhne, Menschenrechte
- G (Governance): Compliance, Korruption, Managementsysteme, Zertifizierungen
Im Kern geht es darum, Risiken zu reduzieren, Qualität zu erhöhen und die Zusammenarbeit stabiler zu machen.
Für KMU ist wichtig: Es geht nicht darum, hunderte Lieferanten komplett zu auditieren. Es geht darum, mit einfachen Mitteln Transparenz dort zu schaffen, wo es zählt.
Warum ist das ein Erfolgsfaktor für den Mittelstand?
- Sicherung von Großkunden
Konzerne müssen ihre Scope-3-Emissionen senken und Nachweise liefern. Wer keine Daten bereitstellt, wird ersetzt. - Bessere Konditionen bei Banken
Banken verlangen zunehmend Informationen zu Nachhaltigkeitsrisiken – und bewerten Unternehmen mit klaren Lieferkettenprozessen besser. - Geringeres Risiko für Störungen
Transparenz hilft, Abhängigkeiten, Preisrisiken und Qualitätsprobleme früh zu erkennen. - Image- und Reputationsvorteile
Verlässliche Prozesse verhindern Greenwashing und stärken Vertrauen. - Weniger Aufwand in Audits und Nachweisen
Unternehmen mit strukturierter Datenlage sparen Zeit und Ressourcen.
Kurz: Transparenz reduziert Risiko und schafft Wettbewerbsvorteile.
Ein paar praktische Anwendungsfälle
Beispiel 1: Anforderung mehrerer Großkunden neue ESG-Daten liefern – vor allem CO₂-Werte und Herkunftsnachweise.
Statt ein großes IT-Projekt zu starten, wählt man eine einfache Lösung:
- standardisierter Lieferantenfragebogen (PDF, 12 Fragen)
- zwei Risikokategorien: „kritisch“ und „unkritisch“
- Datenpflege in einer kleinen cloudbasierten ESG-Software
Ergebnis:
- Großkunden zufrieden
- erste CO₂-Hotspots sichtbar
- Risiken klar identifiziert (z. B. fehlende Zertifikate)
- deutliche Verbesserung im Rating der Hausbank
Investition: minimal. Wirkung: deutlich.
Der pragmatische Einstieg – in drei Stufen
Stufe 1: Quick Wins
- kurze ESG-Abfrage für Hauptlieferanten
- einfache Risikokategorien (z. B. Volumen, Standort, Zertifikate, ESG-Risiko)
- Red-Flag-Sichtbarkeit schaffen (wo ist echtes Risiko?)
- erste Lieferanten-Scorecard als 1-Seiten-Übersicht
- Basis der Lieferkette dokumentieren (wer liefert was?)
Effekt: Transparenz dort, wo es wirklich zählt.
Stufe 2: Mittelfristige Maßnahmen
- CO₂-Daten strukturierter erfassen (grobe Werte reichen oft)
- Qualitäts- und Nachhaltigkeitsziele im Einkauf kombinieren
- alternative Lieferanten prüfen (Risikodiversifikation)
- abstrakte Lieferkettenrisikoanalyse auf Basis modellierter Lieferketten bis zum Rohstoff
- Nachhaltigkeitskriterien in Ausschreibungen integrieren
- einfache Audits bei kritischen Lieferanten
- Schulungen und gemeinsame Entwicklungsprogramme starten
Stufe 3: Langfristige Transformation
- vollständig integrierte Lieferantenmanagementsysteme
- tiefergehende Scope-3-Analysen
- Programme zur gemeinsamen CO₂-Reduktion
- Lieferantenkodex mit Anforderungen an die Lieferanten versenden
- langfristige, bindende Partnerschaften mit Schlüssellieferanten
- standardisierte Scorecards, Audits, KPI-Steuerung
- enge Verzahnung mit Produktentwicklung und Strategie
Hier wird der Einkauf vom „Kostenfaktor“ zum strategischen Werttreiber.
Was passiert, wenn man nichts macht?
- Ausschluss aus Lieferketten großer Unternehmen
- schlechtere Bankkonditionen
- wachsende Compliance-Risiken (insb. LkSG-relevante Branchen)
- Preis- und Versorgungsrisiken bleiben unsichtbar
- Reputationsrisiken bei Audits, Prüfungen und Kunden
- Wettbewerber wirken moderner, zuverlässiger und besser steuerbar
Fazit
Der Mittelstand braucht keine komplexen Systeme – sondern Transparenz, Struktur und partnerschaftliche Zusammenarbeit. ESG im Einkauf beginnt mit wenigen, gut gewählten Schritten und entwickelt sich dann weiter. Unternehmen, die früh aktiv werden, sichern sich ihre Lieferfähigkeit, verbessern ihre Position bei Kunden und Banken und reduzieren Risiken nachhaltig.
Weiterführender Artikel
Basis-Artikel: ESG als Erfolgsfaktor
Autorin
Sylvia Albrecht
Senior Consultant und Team Lead Supply Chain.
Mit 20 Jahren Erfahrung im Einkauf und in der Einkaufsberatung liegt ihr Fokus auf nachhaltiger Beschaffung und dem Lieferkettengesetz (LkSG, CSDDD). Durch ihre langjährige Arbeit im und mit dem Einkauf kennt sie die Prozesse eines nachhaltigen Lieferantenmanagements und weiß welchen Wertbeitrag der Einkauf zu einer nachhaltigen Unternehmensausrichtung leisten kann. Sylvia leitet auch Terras’ EcoVadis Schulungspartner-Programm.
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