Zirkularität bedeutet, Materialien und Produkte so zu nutzen, dass sie im Kreislauf bleiben – durch längere Nutzung, Reparatur, Wiederaufbereitung oder Recycling. Für ein rohstoffarmes Land wie Deutschland ist Kreislaufwirtschaft eine Frage der Zukunftssicherheit. Und für den Mittelstand besteht hier neben dem notwendigen Risikomanagement auch ein potenzieller wirtschaftlicher Vorteil. Werkstoffe wie Aluminium werden teurer, bestimmte Schlüsselrohstoffe wie Neodym für Magnete unterliegen extremen Unsicherheiten und Preisschwankungen, Lieferketten sind mit hohen Risiken behaftet. Unternehmen, die verlässliche Sekundärrohstoffquellen erschließen und kreislauffähige Produkte entwickeln, senken ihre Herstellkosten, schaffen neue Umsatzquellen und werden unabhängiger.
Was bedeutet Zirkularität konkret?
Zirkularität umfasst vier pragmatische Prinzipien:
- Produkte länger nutzbar machen
durch Dauerhaftigkeit, Reparatur und Upgrades. - Materialströme nutzbar halten
indem Werkstoffe erkennbar, getrennt und wiederverwertbar eingesetzt werden. - Rücknahme- und Servicekonzepte entwickeln
wie Reparaturservices, Leasingmodelle oder „Product-as-a-Service“. - Altprodukte und Abfälle als Ressource verstehen
durch Weiterverkauf, Wiederverwendung oder Recycling hochwertiger Komponenten.
Damit wird Zirkularität zu einem Hebel für Einsparungen und neue Geschäftsmodelle.
Warum ist das ein Erfolgsfaktor für Mittelständler?
- Materialkosten sinken – Wenn Kreislaufwirtschaft konsequent umgesetzt wird, erscheinen für einen typischen deutschen Mittelständler in der Fertigung je nach Branche und Geschäftsmodell eine Verringerung der Herstellkosten um mindestens 10% realistisch. In energieintensiven Branchen oder bei hohem Materialeinsatz kann das Einsparpotenzial sogar darüber liegen.
- Neue Erlösmodelle entstehen, z. B. Gebrauchtmärkte, Refurbishedprodukte und Reparaturservices
- Weniger Abhängigkeit von volatilen Rohstoffpreisen
- Wettbewerbsvorteile bei Ausschreibungen und Großkunden bis hin zum Erhalt des Marktzugangs in besonders reglementierten Bereichen
- Geringere Abfallkosten, insbesondere wenn neben den eigentlichen Entsorgungskosten auch die Prozesskosten für Handling und verschwendete Wertschöpfung einbezogen werden
- Bessere ESG-Ratings und demzufolge Kreditkonditionen bei Banken
Zirkularität ist also die günstigste Nachhaltigkeitsstrategie, weil sie Verschwendung reduziert.
Die wichtigsten Hebel – mit Beispielen aus dem Mittelstand
Beispiel 1: Handel – Retouren als Wertquelle statt Kostenfaktor
Ein Händler für Haushaltswaren (mittelständisch, 80 Mitarbeitende) kämpfte mit steigenden Retourenkosten. Viele zurückgeschickte Produkte wurden bislang entsorgt.
Das Unternehmen richtete eine kleine Refurbishment-Einheit ein:
- Mitarbeitende reinigen, prüfen, reparieren und verpacken Retouren
- klare Prozesse und Qualitätsstandards
- ein eigener Bereich im Lager
Ergebnisse nach 12 Monaten:
- 70 % der Retouren werden als refurbished verkauft
- Abfallmenge –40 %
- zusätzliche jährliche Erträge im mittleren sechsstelligen Bereich
- geringere Entsorgungskosten
Aus einem Kostenblock wurde ein profitables Geschäftsmodell.
Beispiel 2: Bauunternehmen – Wiederverwendung statt Entsorgung
Ein Bauunternehmen führt bei Sanierungsprojekten systematisch „Materialpässe“ ein.
Dabei wird dokumentiert, welche Bauteile und Materialien beim Rückbau wiederverwendet oder weiterverkauft werden können.
Wiederverwendbar sind unter anderem:
- Türen und Fenster
- Metallträger
- Kabelkanäle
- Sanitärkeramik
- bestimmte Dämmstoffe
Ergebnisse:
- 15–20 % geringere Materialkosten
- geringere Entsorgungskosten
- Verkauf wiederverwendbarer Bauteile als zusätzliche Einnahmequelle
- Wahrnehmung als innovativer, nachhaltiger Baupartner – neue Aufträge
Beispiel 3: Maschinenbauer – Ersatzteile als Abo-Modell
Ein Maschinenbauer analysierte regelmäßig auftretende Reparaturen seiner Produkte und entwickelte ein neues Serviceangebot:
- Austausch- und Verschleißteile werden im Abo geliefert
- alte Teile werden zurückgenommen und aufgearbeitet (Remanufacturing)
- Kunden reduzieren Ausfallzeiten, das Unternehmen reduziert Materialeinsatz
Vorteile:
- planbare, wiederkehrende Umsätze
- geringere Produktionskosten durch Wiederaufbereitung
- stärkere Kundenbindung
Fazit
Zirkularität bedeutet wirtschaftliche Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit. Auch Mittelständler sollten das Thema nicht auf die lange Bank schieben, denn Rohstoff- und Energiepreise sind volatil und steigen, und der regulatorische und kundenseitige Druck nimmt zu. Kreislaufwirtschaft senkt Material-, Energie- und Entsorgungskosten. Sie erhält Marktzugänge und erschließt sogar neue Geschäftsmodelle. Empfehlenswert ist, erste Quick Wins zu identifizieren und Erfahrungen zu sammeln – erst dann ist mit durchdachter Strategie die längerfristige Transformation anzugehen.
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Basis-Artikel: ESG als Erfolgsfaktor
Autor
Ivo Mersiowsky
Dr.-Ing. Ivo Mersiowsky ist Berater und Coach für Nachhaltigkeit in Produktmanagement und Unternehmensführung. Als Umweltingenieur mit Vertiefung im Innovationscoaching ist er seit über 25 Jahren im Bereich Nachhaltigkeitsmanagement tätig, mit Stationen in der Chemieindustrie, einer Prüfgesellschaft und in verschiedenen internationalen Beratungsunternehmen.
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